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China (1): „It‘s the Economy, Stupid!“ Oder: Wie China den Kommunismus überwand

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Geschrieben von

TH

Thomas Suessli

Veröffentlicht am

2/21/2026

Inhaltsverzeichnis

Die Erkenntnis: „Armut ist nicht Sozialismus“Von den Besten lernen: Die Reise nach EuropaDas Resultat: Einzigartiger wirtschaftlicher Aufschwung und innovativer (Vor-)SprungDas Erfolgsgeheimnis? Noch heute aktuell!Die tiefen Preise chinesischer Produkte sind eine Herausforderung für EuropaWas uns das lehren sollte: Keine Experimente mit Wirtschafts- und GesellschaftsformenLektionen für die SchweizFazit

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Die Erkenntnis: „Armut ist nicht Sozialismus“

Als Mao Zedong am 9. September 1976 starb, zeigte sich das katastrophale Ausmass seiner Kulturrevolution. Gezeigt hatte es sich schon vorher, aber es war verboten darüber zu sprechen. Und so dauerte es nur gerade 27 Tage bis sein designierter Nachfolger das Ende der Kulturrevolution erklärte und die „Viererbande“, welche diese mit Mao mit eiserner Hand umsetzte, verhaften liess.

Deng Xiaoping wurde rehabilitiert und übernahm 1978 die Macht. Deng bekam nie denselben Status wie Mao. Er war nie formell Präsident und auch nicht Generalsekretär der Partei, was der mächtigste Titel Chinas ist. Der Status von Deng blieb einzigartig in der Geschichte der Volksrepublik. Umso erstaunlicher ist es, was er nur mit informeller Macht erreicht hat: Er hat China durch wirtschaftlichen Aufschwung und faktische Abkehr vom Sozialismus aus der Armut geführt.

Von den Besten lernen: Die Reise nach Europa

Deng wollte verstehen, wie gross der Rückstand Chinas auf den Westen tatsächlich sei und natürlich auch, was den Erfolg des Westens ausmachte. 1978 entsandte er dafür drei Delegationen ins Ausland mit dem Auftrag herauszufinden, wo China im Vergleich zum Rest der Welt stand. Je eine Delegation reiste dafür nach Japan, nach Hongkong und Macau sowie nach Westeuropa. Die westeuropäische Delegation wurde von Vizepremier Gu Mu geleitet. 25 hochrangige Parteikader begleiteten ihn und bereisten vom 2. Mai bis 6. Juni 1978 Frankreich, Belgien, Dänemark, Westdeutschland und die Schweiz. Es war nach der Kulturrevolution die erste offizielle chinesische Delegation im Westen. Deng hatte Gu Mu persönlich beauftragt detailliert zu untersuchen und zu berichten. Über den Besuch in der Schweiz schrieb der damalige bevollmächtigte Minister im Bundesamt für Aussenwirtschaft, Benedikt von Tscharner, folgendes: „Der Besuch verlief bisher programmgemäss und reibungslos. Gu Mu zeigt sich an allem interessiert und ist unermüdlich. Der Rest der Delegation folgt mit zunehmender Erschöpfung…“

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Die Reise war für die Chinesen ein Schock. Gu Mu und seine Delegation berichteten Zuhause über Automatisierung, Innovation, Wohlstand und Konsumgütervielfalt. Ein Bericht, der Chinas Rückstand gnadenlos aufzeigte. Ein Delegationsmitglied soll gesagt haben, sie fühlten sich „wie Landbewohner, die zum ersten Mal in die Stadt kommen.“

Das Resultat: Einzigartiger wirtschaftlicher Aufschwung und innovativer (Vor-)Sprung

Deng leitete umgehend den Beginn der „Reform und Öffnung“ ein. Der Staatskommunismus wich Pragmatismus. Deng sagte es so: „Schwarze Katze, weisse Katze - was macht es für einen Unterschied welche Farbe die Katze hat, solange sie Mäuse fängt?“.

Mit der visionären Reform von Deng Xiaoping gelang China etwas, was es in der Geschichte der Menschheit so noch nie gab. China hat in nur einer Generation die Armut überwunden. Ob es noch Armut gibt, wird unterschiedlich bewertet. Klar ist jedoch: China hat seit 1978 über 800 Mio. Menschen von der Armut befreit.

Die Zahlen des wirtschaftlichen Aufschwungs sind eindrücklich und historisch einmalig:

  • Die chinesische Wirtschaft wuchs von 1979 bis 2010 jährlich durchschnittlich rund 10%, mit einem Rekord 1984 von 15.2%. Die Wirtschaft verdoppelte sich in dieser Zeit rund alle acht Jahre.
  • Machte Chinas Wirtschaft 1978 noch 1.7% der Weltwirtschaft aus, sind es heute rund 17%, also eine Verzehnfachung.
  • Und auch das Pro-Kopf-Einkommen stieg von 200 USD auf über 10’000 USD. Das mag wenig erscheinen. Durch die unterschiedliche Kaufkraft kauft ein Dollar in China rund drei bis fünf Mal mehr als in der Schweiz oder den USA.
  • Weit über ein Viertel, also 400-600 Millionen, gehören der Mittelschicht an und über sechs Millionen Chinesen sind Millionäre.

Die chinesischen Einkaufszentren unterscheiden sich heute nicht mehr von jenen in Singapur, Hongkong, Taiwan oder eben Paris, New York oder Zürich. Ausser, dass sie grösser sind.

Das Erfolgsgeheimnis? Noch heute aktuell!

Dem sprunghaften Erfolg der sogenannten „Tigerstaaten“, dazu zählen Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur, aber vor allem auch Japan und China, ist gemeinsam, dass der Staat günstige Voraussetzungen für das Unternehmertum und die Wirtschaft schuf. Dazu gehören wirtschaftsfreundliche Standort- und Rahmenbedingungen, hohe Investitionen in Infrastruktur, Innovation, Bildung und Technologie, Industriepolitik und zu Beginn auch günstige Arbeitskräfte.

Zum Erfolg gehört aber auch ein Wille zur Leistung des Einzelnen, welcher dafür mit Wohlstand belohnt wurde.

Eine Kritik an China wird häufig genannt. Hat China geistiges Eigentum aus dem Westen kopiert? Die Antwort lautet: Früher wahrscheinlich ja. Was man heute jedoch in den Technologiezentren von Shenzhen, Beijing, Shanghai, Chengdu und anderen sieht zeigt deutlich, dass uns China inzwischen einige Jahre voraus ist. In Shenzhen ist der technologische Vorsprung in den Bereichen autonome Autos, Robotik, Drohnen und Smart Phones besonders evident und beeindruckend.

Der Innovations- und Pioniergeist zeigt sich konkret: ⁨Im Shenzhener Lianhuashan Park kann man sich über das Smartphone essen bestellen und mit einer Drohne liefern lassen.

Die tiefen Preise chinesischer Produkte sind eine Herausforderung für Europa

China ist heute der grösste homogene Markt. Was früher den Erfolg des British Empires, dann der USA ausmachte, hat auch China zurück zur Grossmacht verholfen. Wer in China ein neues Produkt lanciert, hat potentiell 1.4 Milliarden Käufer. In derselben Sprache und unter denselben gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Ein Beispiel für diesen Erfolg ist die Firmengeschichte von Xiaomi. Obwohl bei uns noch weniger bekannt, ist es einer der grössten Mobiltelefonhersteller der Welt. Inzwischen nicht nur das, sondern ein Produzent von innovativen Technologiegütern vom autonomen Staubsauger bis zum sportlichen Elektrofahrzeug. Xiaomi wurde 2010 von Lei Jun und sieben Partnern in Beijing gegründet. 2011 brachten sie das erste Smartphone auf den Markt. Die ersten 100’000 Geräte waren in unter drei Stunden ausverkauft. Bis 2014, also in nur vier Jahren, machte die Unternehmung einen Umsatz von über 10 Milliarden USD. Dies machte es zum wertvollsten Tech Startup der Welt. Das Erfolgsgeheimnis war eine geschickte Marketing-, Preisgestaltungs- und Distributionsstrategie. Die Geräte wurden primär online verkauft. Beim Marketing lernte Xiaomi sicher auch von Apple. Entscheidend ist jedoch vor allem die enorme Grösse des chinesischen Marktes.

Ein grosser Heimmarkt ermöglicht wirtschaftliche Skaleneffekte und somit tiefe Preise. Das ist genau das, was wir nun bei Solarpanels, bei Konsumgütern, Elektroautos und Technologie erleben. Verbunden mit staatlichen Subventionen stellt uns das vor enorme Herausforderungen und wird es in Zukunft noch vermehrt tun.

Was uns das lehren sollte: Keine Experimente mit Wirtschafts- und Gesellschaftsformen

„Den Kapitalismus zu überwinden“ liest sich zwar im Parteiprogramm einer Schweizer Partei revolutionär, solche Experimente sind aber in der heutigen Welt brandgefährlich. Egal, ob man sie Sozialismus oder Wirtschaftsdemokratie nennt: Privateigentum durch „gemeinschaftliches“ Eigentum zu ersetzen, machen nicht einmal die Chinesen. Alibaba, Tencent, Xiaomi, BYD, um nur wenige der neuen grössten chinesischen Unternehmen zu nennen, sind alle börsenkotiert.

Die Idee, die „wichtigsten“ Produktionsmittel „gemeinsam“ besitzen zu wollen, ist in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, was die Schweiz ist, ein fundamentaler Fehler. Denn die wichtigsten Produktionsmittel sind nicht mehr wie zur Lebzeit von Karl Marx Fabriken, Maschinen, Werkzeuge oder Land. Im Primärsektor, also der Landwirtschaft, arbeiten gerade einmal 2.3% der Arbeitnehmenden. Im Sekundärsektor, das sind Industrie und Produktion, sind es noch etwas über 20%. Das Gros hingegen, über 77% der Arbeitnehmenden, arbeiten im Dienstleistungs- und Wissenssektor. Das Produktionsmittel ist der Mensch mit seinem Wissen. Dieser will sich wohl kaum „gemeinsam besitzen“ lassen.

Das entscheidende Produktionsmittel ist das „Kapital“. Die Aktionäre zu enteignen und das Kapital an die Mitarbeitenden zu verteilen, darum geht es den Sozialisten, würde in der heutigen globalisierten Wirtschaft zu unmittelbarer Kapitalflucht führen. Die Folge ist ein Rückgang der Wirtschaft und in letzter Konsequenz eine Zunahme von Arbeitslosigkeit und sogar Armut. Wir stehen im internationalen Wettbewerb. Wenn wir erst nach der Überwindung des Kapitalismus merken, dass man Sozialismus nicht essen kann, ist es zu spät.

Lektionen für die Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft steht in internationaler Konkurrenz. Wer in Rückstand gerät, verliert Marktanteile. Wer Marktanteile verliert, verliert Umsatz, was Arbeitsplatzabbau nach sich zieht und insgesamt schliesslich auch einen Rückgang der Steuereinnahmen.

Wer den Diskussionen im Parlament folgt kann nicht immer davon ausgehen, dass dieses wirtschaftliche Einmaleins verstanden wird. Dabei kann leicht der Eindruck entstehen, dass in der Schweiz mehr darüber diskutiert wird, wie die Bundeseinnahmen verteilt und wie die Wirtschaft stärker reguliert werden soll, als dass man bessere Standortbedingungen schaffen will. Immerhin hat der Bundesrat im letzten November Massnahmen zur bürokratischen Entlastung der Wirtschaft beschlossen. Mehr als der berühmte Tropfen auf den heissen Stein oder ein erster Schritt darf dies jedoch nicht sein.

Dem Vernehmen nach waren letztes Jahr Delegationen aus Singapur in der Schweiz unterwegs um Schweizer Konzerne davon zu überzeugen ihren Sitz nach Singapur zu verlegen. Verlässlichen Quellen zufolge prüfen aktuell mehrere Unternehmungen mit Unterstützung von Beratungsfirmen genau diesen Schritt. Schiedsrichter gibt es im globalen Wettbewerb keine und OECD und WTO wirken nicht mehr wie Zukunftsmodelle. Die Erosion der Schweizer Wirtschaft hat bereits begonnen. Viele Wirtschaftsvertreter wollen sich nicht öffentlich exponieren, immer mehr tun es. Sergio Ermotti bringt es in seinem Referat vor dem Tages Anzeiger auf den Punkt.

Fazit

Eine starke Nation basiert auf einer starken Wirtschaft. Das ist mehr als eine Binsenwahrheit und die erwähnten erfolgreichen Nationen beweisen dies eindrücklich. Es ist noch nicht zu spät. Und das Erfolgsgeheimnis liegt vor. Erst den Staatskonsum reduzieren, dann günstige Standortbedingungen für unsere Wirtschaft schaffen, in Infrastruktur und Innovation investieren und schliesslich wieder individuelle Leistung fördern.

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