
Bedeutung der „National Security Strategy“
Gemäss amerikanischem Recht legt jede Regierung dem Kongress eine Nationale Sicherheitsstrategie vor. In der Regel findet dies einmal pro Amtszeit eines Präsidenten statt. Eine unklassifizierte Version wurde Anfang Dezember 2025 veröffentlicht. Sie formalisiert bisherige Aussagen von Präsident Trump, steht klar unter dem Einfluss der MAGA Bewegung und lässt die Handschrift von Vize-Präsident J.D. Vance erkennen. Der Aufbau ist, trotz strategischer Widersprüche im Dokument, grundsätzlich klassisch und zeigt mit Prinzipien und Prioritäten auf, wie staatliche Mittel zum Erreichen der strategischen Ziele eingesetzt werden sollen („Ends-Ways-Means“). Die nationale Sicherheitsstrategie bildet in der Regel auch die Grundlage für weitere Strategiepapiere, wie die „National Defence Strategy“, „National Military Strategy“, etc. Insbesondere aber ist sie eine wichtige Vorgabe für die weltweite amerikanische Diplomatie.
Das Leitmotiv: „America first“
Die Strategie markiert eine Zäsur in der amerikanischen Aussen- und Sicherheitspolitik. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sieht sich Washington nicht mehr in der Rolle einer globalen, demokratischen, Ordnungsmacht, sondern stellt die nationalen Interessen in den Vordergrund. Sie verurteilt dabei frühere Regierungen, welche die Interessen der USA in der Rolle als Hegemonialmacht überdehnt haben sollen und kehrt davon ab. Die Strategie vertritt insgesamt zum ersten Mal eine ideologische Sicht und nicht eine überparteilich getragene langfristige Linie.
Die Aussenpolitik wird zum verlängerten Arm der Innenpolitik
China wird vom früheren geopolitischen Herausforderer auf den wirtschaftlichen und technologischen Hauptkonkurrenten reduziert. Die Konflikte im nahen und mittleren Osten werden heruntergespielt. Russlands Neo-Imperialismus wird nicht angesprochen oder verurteilt sondern im Gegenteil wird der Umgang von Europa mit der Bedrohung durch Russland kritisiert. Die Bedeutung von Nationalstaaten wird hervorgehoben, supranationale Institutionen werden in Frage gestellt. Vor allem dann, wenn sie den Interessen der USA schaden. Die Strategie sieht die innere Erosion der USA als grösstes Risiko, verursacht durch Migration, Drogenkartelle, kulturellem Wandel und liberal-progressiven Tendenzen. In der Folge entsteht die Aussage, dass eine Nation, die innenpolitisch destabilisiert ist, aussenpolitisch nicht stark sein kann.
Prinzipien und Prioritäten zur Umsetzung
Die nationale Sicherheitsstrategie führt die Prinzipien auf, wie die Ziele erreicht werden sollen:
- „Peace through Strength“ als Basis;
- Eine Fokussierung auf die definierten Interessen der USA;
- Abkehr vom Interventionismus und Respektierung der Souveränität von Nationen;
- „Flexibler Realismus“ im Umgang mit den anderen Grossmächten;
- Primat des Nationalstaates über transnationale Organisationen.
Die Sicherheitsgarantie für Europa läuft aus
Von der strategischen Neuausrichtung am meisten Betroffen ist Europa. Die USA erwarten, dass Europa für seine Sicherheit grundsätzlich selbst aufkommt. Und dies gemäss Quellen bereits bis 2027. Die implizite Sicherheitsgarantie der vergangenen Jahrzehnte, nach dem Grundsatz „whatever it takes“, gilt nicht mehr. Eine Situation, auf welche Europa kaum vorbereitet ist. Die Strategie sagt aus, Europa sei Russland militärisch überlegen. Das dürfte nur in absoluten Zahlen stimmen. Militärisch wird Europa noch lange von den USA abhängig sein. Insbesondere der atomare Schutzschild, die Verfügbarkeit von nachrichtendienstlichen Lagebildern und die präzise kinetische Wirkung auf grosse Distanz wird Europa nur langfristig ersetzen können.
Ein widersprüchlicher Umgang mit Europa
Gleichzeitig bezweifelt die Regierung Trump die politische Zuverlässigkeit europäischer Staaten, deren gesellschaftliche Entwicklungen sie kritisch sehen. Die Strategie übt dabei direkte Kritik an der EU als politischem System. Die EU wird indirekt für Stagnation, Überregulierung, Identitätsverlust und Missmanagement der Migration verantwortlich gemacht. Europa wird offen als Kontinent in einer Krise bezeichnet. Und obwohl sich die Strategie von Interventionismus distanziert, will die USA gerade hier mehr Einfluss nehmen. Um, wie die Strategie schreibt, Europas Grossartigkeit zu erhalten.
Europa in einem hybriden Zweifrontenkrieg
Europa, oder eher die EU, wird damit das Ziel eines hybriden Zweifrontenkrieges: Russland auf der einen, Einflussnahme der USA auf der anderen Seite. Beide Akteure nutzen diplomatische, politische, wirtschaftliche und kommunikative Mittel um ihre Interessen durchzusetzen. Europa ist nicht nur gezwungen seine Sicherheit selbst zu tragen, sondern wird sich gegen Einflüsse von aussen behaupten müssen. Dies kann eine Chance sein, um näher zusammenzurücken und sich den in der Strategie beschriebenen Herausforderungen zu stellen.
Eine neue Monroe-Doktrin für den Einfluss in der ‚westlichen Hemisphäre‘
Mit einer Neuauflage der Monroe-Doktrin nach Trumpscher Prägung („Trump Corollary“) soll jegliche Einflussnahme anderer Mächte auf die „westliche Hemisphäre“ vereitelt werden. Die westliche Hemisphäre umfasst dabei Nord- und Südamerika sowie die zugehörigen Inselgruppen. Europa zählt dabei nicht zur westlichen Hemisphäre. Das amerikanische Power Play um Venezuela dürfte auf dieser Doktrin basieren so wie auch die Absichtserklärung zu Grönland.
Ausübung wirtschaftlicher Macht zur Erreichung Interessen
Mit der Strategie verschiebt sich der geopolitische Machtkampf in die Geoökonomie. Ressourcen, Energie, Technologie, Lieferketten und industrielle Souveränität werden zum Gefechtsfeld. Wer in diesen Domänen zurückfällt, verliert die Fähigkeit, politische Entscheidungen unabhängig zu treffen.
Die Verschuldung - der Elefant im Raum
Die USA geben dieses Jahr mehr Geld für Schuldzinsen aus, als für die Verteidigung. Damit sind sie nicht alleine. Im OECD Durchschnitt geben Nationen 3.3 Prozent für Zinsen und aktuell nur 2.4 Prozent für die Verteidigung aus. Hohe Schuldzinsen verdrängen andere Staatsausgaben, erschweren Investitionen in langfristige Prioritäten wie Infrastruktur und Verteidigung und erhöhen historisch betrachtet das Risiko von Zahlungsunfähigkeit oder Währungskrisen. Dies dürfte ein starker Treiber für die Abkehr der USA als Hegemonialmacht, gleichzeitig aber auch ein Hindernis für Europa für die autonome Verteidigung sein.
Ein weiterer Weckruf
„Wer sich über Kritik ärgert, gibt zu, dass sie verdient war.“ (Publius Cornelius Tacitus)Die Strategie trifft einen wunden Punkt. Europas wirtschaftliches Gewicht hat in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Der Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung ist seit der Gründung der EU von rund 25 auf heute etwa 14 Prozent gesunken. Protektionistische Tendenzen, wachsende Bürokratie und selbstauferlegte regulatorische Einschränkungen haben ihren Preis.
Gleichzeitig zeigen Sorgenbarometer, Umfrageresultate und der zunehmende Zulauf zu rechtsgerichteten Parteien, dass breite Bevölkerungsteile die Migrationspolitik als ungelöstes Problem wahrnehmen. Auch in der Schweiz. Diese Signale lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie verlangen eine nüchterne, offene und ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung.
Auswirkungen auf die Schweiz
Für die Schweiz entstehen aus der neuen Ordnung Chancen aber auch Risiken: Einerseits schafft die Betonung nationaler Souveränität Raum für eigenständige Staaten. Andererseits steigt die Verwundbarkeit kleiner Volkswirtschaften, die bisher von einer multilateralen und regelbasierten Ordnung profitiert haben.
Für die Schweiz bedeutet dies
- die Souveränität nicht nur politisch, sondern mittels gezielter Investitionen und Schaffung guter Voraussetzungen wirtschaftlich, technologisch und in der Forschung und Energieversorgung zu erhöhen;
- Sicherheit umfassend zu betrachten und die eigene Resilienz zu stärken;
- die Verteidigungsfähigkeit wieder herzustellen. Insbesondere mit hoher Dringlichkeit die Abwehr von Bedrohungen aus Distanz und die Mittel zur Abwehr hybrider Bedrohungen;
- Sensibilisierung gegen Desinformation. Keine Zensur oder Verbote, sondern offener Dialog und Auseinandersetzung mit Meinungsvielfalt;
- basierend auf unseren Werten ein Vorbild glaubwürdiger liberaler Demokratie zu bleiben, ohne missionarische Ambitionen.
Insbesondere braucht es eine offene und öffentliche Diskussion darüber, ob die Kooperation mit Verteidigungsbündnissen, das Eingehen von Verträgen mit der EU und die Zusammenarbeit mit supranationalen Organisationen die Schweizer Souveränität schwächen oder eher sogar stärken. Dies nicht aus Opportunismus, sondern aus strategischer Raison.
Fazit
Die Zeitenwende ist eingetreten. Die multipolare Welt, in einer „tripolaren“ Form, ist Realität. Alte Gewissheiten tragen nicht mehr. Die Welt wird nicht mehr so sein wie sie einmal war. Die Schweiz muss ihre Stärken ausbauen und damit ihre strategische Souveränität bewahren.
Die Strategie rät Europa zu mehr Selbstvertrauen. Dies würde auch der Schweiz gut anstehen. Die Schweiz hat die Möglichkeit, in dieser neuen Ordnung eine starke, souveräne Rolle einzunehmen. Aber diese Möglichkeit ist nicht garantiert. Sie muss erarbeitet werden.
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