
Referat vom 17. März beim Schweizerischen Institut für Auslandforschung (SIAF). Der Text wurde für bessere Lesbarkeit angepasst und gekürzt. Die Titel wurden im Nachhinein zugefügt. Es gilt das gesprochene Wort.
Einleitung
Das Thema Geopolitik liegt mir am Herzen. Bevor wir später in die Fragen und in die laufenden Kriege eintauchen, möchte ich Ihnen im ersten Teil den Überbau präsentieren. Ich habe drei Botschaften mitgebracht. Erstens: Die Zeitenwende, über die wir so lange reden und lesen, ist eingetreten. Zweitens: Die Welt wird nicht mehr so, wie sie einmal war. Und drittens, basierend auf drei Szenarien für die Zukunft: In der aktuellen Weltlage reich und schwach zu sein, ist eine schlechte Voraussetzung.
Die Zeitenwende
Der aussenpolitische Bericht 2021 des EDA verwendet bereits im dritten Absatz der Begriff der Zeitenwende. Das ist bemerkenswert. Der Bericht erschien am 2. Februar 2022, also drei Wochen vor dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine. Gemeint ist damit, dass sich immer mehr Nationen von der bisherigen, sogenannten regelbasierten Ordnung abwenden und eine neue Weltordnung suchen. Kanzler Scholz verwendete den Begriff nach dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine. Diese Zeitenwende ist jetzt da. Man sieht es unter anderem daran, dass sich viele Länder, inzwischen auch die USA, nicht mehr an die regelbasierte Ordnung halten.
Russland
Wann hat die Zeitenwende begonnen? Im Jahr 2000, als Präsident Putin gewählt wurde, herrschte noch Optimismus. Putin hielt 2001 vor dem Deutschen Bundestag eine Rede, überwiegend auf Deutsch, und erhielt dafür eine Standing Ovation. Das Thema waren unter anderem die gemeinsamen europäischen Werte. Damals sah es noch gut aus. Die ersten Anzeichen, dass es mit Russland nicht gut kommen würde, zeigten sich 2007 an der Münchener Sicherheitskonferenz, als Putin erstmals erklärte, dass Russland die bestehende Ordnung nicht mehr akzeptiert.
Man hätte die Zeichen erkennen können wenn man sie hätte erkennen wollen. Russland begann bereits vor 2008 seine Streitkräfte umzubauen: von einem schlecht unterhaltenen Heer in sogenannte Battalion Tactical Groups, bataillonsgrosse Einheiten von bis zu 1000 Mann (in Russland ausschliesslich Männer). Diese Einheiten erhielten alles, was es für offensive Aktionen braucht: Bogenfeuer, Manövrierfähigkeit, die Fähigkeit, das Gefechtsfeld abzuschirmen, und Aufklärungsmittel. Gelegentlich hört man Stimmen, die sagen, Russland verteidige sich ja nur. Manchmal hört man diese Stimme sogar im Ständerat. Aber das stimmt nicht. Russland begann mit der Aufrüstung bereits 2008. Zu einer Zeit, als wir in Europa unser Streitkräfte weiter abbauten. Wenn wir es gewollt hätten, hätten wir die Zeichen erkennen können.
Einer der Gründe für den Umbau war das 2008 missglückte russische Engagement in Georgien, wo die russischen Streitkräfte erkennen mussten, dass sie die verschiedenen Teilstreitkräfte nicht koordinieren können und nicht mehr über Offensivfähigkeit verfügen.
Wenn man zurückschaut, begann der Ukrainekrieg nicht am 24. Februar, sondern am 22. Februar. Und zwar 2014, nach dem Euromaidan und dem Wunsch der Ukrainer, sich Europa anzuschliessen. Nach der Absetzung von Präsident Janukowitsch ergriff Russland die Gelegenheit und besetzte die Krim in einem Handstreich.
Alles deutet darauf hin, dass Russland, oder besser gesagt Putin, am 24. Februar 2022 dasselbe in Kiew machen wollte. Die Pläne für diese «Spezialoperation» waren den westlichen Nachrichtendiensten bekannt. Die USA teilten sie mit anderen Diensten und teilweise sogar mit den Medien. Genau so, wie es in diesen Plänen stand, wollte man es auch durchführen.
Putin machte meines Erachtens drei Fehlüberlegungen. Die erste: Er überschätzte seine eigenen Fähigkeiten. Das klingt vielleicht sarkastisch, aber manchmal ist Korruption gar nicht so schlecht. Seine Streitkräfte waren nicht dort, wo man ihm gesagt hatte. Die zweite Fehleinschätzung betraf die Situation in der Ukraine: Sein Inlands- und Auslandsnachrichtendienst hatten ihm versichert, die Ukraine sei bereit. Man habe sie vorbereitet, sodass der angestrebte Regimewechsel gelingen würde. Die dritte Fehleinschätzung betraf den Westen. Putin ging davon aus, der Westen würde nicht reagieren. Wäre diese Spezialoperation gelungen, hätte Putin alle drei ostslawischen Völker mitsamt ihren Armeen gehabt. Die russische Armee wäre in der Stärke erhalten geblieben, wie wir sie damals vor dem Krieg wahrgenommen haben. Russland wäre noch stärker geworden.
China
China hat eine ähnliche Geschichte. In der Wahrnehmung vieler Chinesen erlitt China 1911 die grosse Demütigung. Es begann schon vorher: China verlor die zwei Opiumkriege, verlor Gebiete wie Taiwan und Hongkong. China war in der Wahrnehmung seiner Bevölkerung 4000 Jahre lang eine kulturelle und wissenschaftliche Supermacht – und das ging 1911 verloren. Die grosse Demütigung, dann 1949 Mao Zedong, die Flucht der bestehenden Regierung nach Taiwan. Etwa 1,5 Millionen Menschen gingen mit. Wer heute nach Taiwan geht, erkennt: Es ist keine abtrünnige Provinz. China ist ein gespaltenes Land mit zwei Teilen, denn die Taiwaner fühlen sich ebenfalls als Chinesen.
1976 starb Mao Zedong. Die sogenannte Viererbande, die die Kulturrevolution geführt hatte, wurde verhaftet. Deng Xiaoping kam später an die Macht. Das Interessante an seiner Geschichte: In der modernen chinesischen Geschichte gab es nie jemanden, der so viel erreicht hat, ohne formell Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Präsident der Volksrepublik gewesen zu sein. Deng Xiaoping erkannte und sagte, dass man Sozialismus nicht essen kann. Das ist vielleicht auch ein Hinweis an uns heute, dass man mit Wirtschaftssystemen nicht experimentieren sollte.
Er sagte dann auch: «Egal ob die Katze schwarz oder weiss ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse.» Und begann, China in eine gesteuerte Marktwirtschaft zu transformieren. 1978 schickte er eine Delegation nach Europa, um zu prüfen, ob Europa technologisch weiter sei, und um zu lernen. Geleitet wurde diese Delegation vom Vizepremier Gu Mu. Ich habe dazu einen Bericht aus der Schweiz gefunden und gelesen. Staatssekretär von Tscharner schrieb sinngemäss: «Diese Delegation um Gu Mu will alles sehen. Gu Mu ist unermüdlich. Er interessiert sich für alles, während seine Begleitung schon langsam am Einknicken ist.» Gu Mu kehrte nach China zurück, und man erkannte tatsächlich, wie gross der Unterschied war. Man leitete den wirtschaftlichen Umschwung ein und bildete vier Spezialwirtschaftszonen. Eine davon ist Shenzhen. Heute kann man sagen: Shenzhen ist technologisch nach dem Silicon Valley weltweit führend.
China ist getrieben davon, wieder eine Supermacht zu werden. Selbstverständlich akzeptiert China den Status Quo nicht mehr. Auch das ist Teil der Zeitenwende.
Die USA
Die regelbasierte Ordnung geht unter anderem zurück auf 1945: die Gründung der UNO und von weiteren Organisationen, das Völkerrecht. Die amerikanische Bevölkerung hingegen hat zunehmend das Gefühl, angesichts des Wachstums in China und des globalen Wachstums selbst zurückzustehen. Sie ist nicht mehr bereit, für die Sicherheit Europas zu bezahlen. Präsident Trump hat dieses Gefühl ausgenützt, mit der Bewegung «Make America Great Again». Mit diesem Slogan sprach er vielen Amerikanern aus dem Herzen.
Ich bin nicht der Amerikaexperte. Ich bin auch nicht sicher, ob Amerika wirklich so gespalten ist. Was man aber sagen kann: Die USA werden nie mehr für unsere Sicherheit bezahlen. Das wird nicht mehr sein.
Viele sagen, bei Trump I sei er noch von seinen Beratern abgeschirmt worden und diese hätten ihn vor Schlimmerem bewahrt. Heute ist er nicht mehr von Puffern umgeben, sondern von Verstärkern.
Die National Security Strategy, erschienen im November letzten Jahres, sagt eigentlich alles. Es ist eine Wiederauflage der Monroe-Doktrin von 1823, als die USA erklärten, keine Einmischung Europas in der Westlichen Hemisphäre mehr zu dulden. Ich war etwas naiv. Als ich den Bericht das erste Mal las, dachte ich bei «Western Hemisphere»: Aber wir Europäer sind auch Westen. So ist es nicht gemeint. Die Westliche Hemisphäre bedeutet in dieser National Security Strategy die USA, Südameriak plus die zugehörigen Inseln.
Interessanterweise werden China und Russland in der NSS nicht mehr als strategische Herausforderer betitelt. China wird als wirtschaftliche und technologische Herausforderung bezeichnet, über Russland steht beinahe nichts. Europa kommt schlecht weg. Was Churchill hier in diesem Raum sagte: «Therefore I say to you: Let Europe arise!». Ich bin nicht sicher, was die Position Europas in dieser neuen Welt sein wird.
Erste Feststellung: Die Zeitenwende ist da. Die drei grossen Länder haben sich von der bisherigen Ordnung abgekehrt. Wir befinden uns in einer multipolaren Weltordnung, in der die grossen Pole sich Einflussgebiete schaffen: die Westliche Hemisphäre, China im Südchinesischen Meer mit der Ambition, die Vereinigung mit Taiwan anzustreben, und Russland, das versucht, sein altes Einflussgebiet in Europa wiederherzustellen.
Zweite Feststellung: Die Welt wird nicht mehr so, wie sie einmal war
Jetzt werden Sie sagen: Wenn Trump nicht mehr ist, Putin nicht mehr ist und Xi Jinping auch nicht, übrigens haben die letzten beiden abgemacht, sie wollen 150-jährig werden, dann wird die Welt schon wieder anders. Nein. Die Welt wird nicht mehr so, weil hinter Trump verschiedene Kräfte stehen. Es ist keine durchgängige Analyse, aber ich habe mich dafür interessiert. Neben seinem Beraterstab sind es drei Kräfte, die bleiben werden, auch wenn Trump nicht mehr Präsident ist.
Die erste ist die MAGA-Bewegung. Trump hat diesen Gruppierungen Zusagen gemacht, die er bisher einhielt und weiter einhalten muss. Eine dieser Zusagen war «No more wars». Deshalb bin ich überzeugt, dass auch das Engagement in Venezuela und im Iran eigentlich als kurze Operationen gedacht waren. Aus militärischer Erfahrung gilt: Militärische Operationen ohne einen klaren Endzustand enden immer im Fiasko. Immer. Afghanistan, Irak. Auch hier besteht das Risiko, dass er die Versprechungen gegenüber der MAGA-Bewegung nicht erfüllen kann. Diese Massenbewegung wird bleiben und Einfluss haben, auch wenn Trump einmal weg ist.
Die zweite Kraft sind die republikanischen Think Tanks, allen voran die Heritage Foundation. Während der Amtszeit von Biden startete die Heritage Foundation «Project 2025» – ein Dokument von 950 Seiten. Ich gebe zu, ich habe nicht alles gelesen und mich etwas von KI unterstützen lassen. Was dort drinsteht, ist ein republikanisches Regierungsprogramm. John Bolton schriebe es in seinem Buch zu Trump I: Trump liest keine Dokumente. Er bekommt die Art von Briefings, die alle Staatsoberhäupter und auch Armeechefs bekommen, aber er liest sie nicht. Wenn er Briefings bekommt, kann er nicht zuhören. Seine Aufmerksamkeitsspanne ist kurz, und meistens spricht er mehr als der Briefer. Man kann davon ausgehen, dass Trump Project 2025 nicht gelesen hat. Aber viele Leute in seiner Administration haben es gelesen. Ein Jahr nach Trumps Amtsantritt waren 50 Prozent dieses Projekts umgesetzt. Es gibt eine spezielle Webseite, die den Fortschritt verfolgt. Die republikanischen Think Tanks sind gekommen, um zu bleiben, und sie werden ihren Einfluss behalten.
Die dritte Gruppierung – und da wird es etwas verschwörerisch, obwohl ich nicht an Verschwörungstheorien glaube. Bei Trump I hat ein libertärer Tech-Milliardär namens Peter Thiel Trump dazu verholfen, Präsident zu werden. Dafür war Thiel Mitglied des Übergangsteams und konnte die Amtsbesetzungen beeinflussen. Er ging frustriert aus der Politik. Peter Thiel finanzierte dann die Senatswahl von J.D. Vance mit 15 Millionen Dollar und schob ihn Trump als Running Mate unter, also als Vizepräsident.
Peter Thiels Geschichte: in Deutschland geboren, sein Vater arbeitete in Uranminen in Südwestafrika. Als Student kam er nach Stanford, das ihm zu liberal und zu offen war. Er ist sehr streng, sehr religiös. Thiel gründete dann eine Firma und produzierte eine Lösung namens PayPal. Im selben Gebäude befand sich eine andere Firma namens X. PayPal-Mitarbeitende fanden im Abfall Dokumente von X und stellten fest: Die machen genau dasselbe: Zahlungen über das Internet abwickeln. Beide fusionierten. Elon Musk war der CEO der neue Firma. Musk, der Visionär, wollte vergrössern und Risiken eingehen, die Firma umbenennen in „X“. Als Musk auf dem Weg in die Flitterwochen nach Australien war, ging Thiel zum Verwaltungsrat und liess ihn absetzen. Die zwei verbindet nicht nur Freundschaft.
Das Gefährliche an Peter Thiel: Er ist sehr religiös, er glaubt an den Antichristen, und er glaubt daran, dass die Aufgabe der USA sei, die Welt wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Er bezeichnet Demokratie auch öfters als eine nicht taugliche Gesellschaftsform. Das ist der dritte Einfluss.
Auch wenn Trump weg ist: Diese drei Einflüsse werden bleiben, und die Macht dieser drei Gruppen wird man nicht so einfach überwinden.
Wird es mit Putin anders?
Es gibt Leute, die sagen, wenn Putin stirbt, sei das eine Chance. Dann werde jemand gewählt, der offener ist und die Vereinigung mit dem Westen sucht. Auch hier: Wahrscheinlich nein. Putin bewarb sich zweimal beim KGB, war dann als Major in Dresden stationiert, wo er auch Deutsch lernte. Er kommt aus einfachen Verhältnissen. In den 90er Jahren wurde er als nicht reicher KGB-Major Vizebürgermeister in Sankt Petersburg. Das war die Zeit, in der in Russland eine Hungersnot herrschte. Der Westen leistete Hilfslieferungen und Hilfszahlungen. Man muss davon ausgehen, dass Putin, der für die Verwaltung dieser Gelder verantwortlich war, sich aus dieser Kasse bediente. Er machte das nicht allein sondern ermöglichte auch anderen, in die Kasse zu greifen. Daraus entstand ein System. Die Nachrichtendienste nennen es den «Sankt Petersburger Clan» mit etwa 10 bis 12 Zugewandten.
Als Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB wurde, begann er, Leute aus Sankt Petersburg mitzunehmen und in einflussreichen Positionen zu platzieren. Als er 2000 Präsident wurde: definitiv. Heute spricht man von einem inneren Kern von etwa zwölf Leuten um Putin und einem weiteren Kern von etwa 150 Leuten. Der engere Kern war immer da, immer konstant. Man muss davon ausgehen, dass man in diesem Kern die Meinung teilt.
Was will Russland?
Das ist eine wichtige Frage. Für das Ziel von Amerika haben wir gesagt: «Make America Great Again». Was will Russland? Putin möchte Russland wieder zu einer Grossmacht machen. Er hat mehrfach gesagt: Eine der grössten Katastrophen des 20. Jahrhunderts war die Auflösung der Sowjetunion. Er sagt aber auch immer im Nachgang: Er wolle nicht die Sowjetunion wiederherstellen, aber Russland wieder zu dieser Grösse führen.
Im Militär spricht man von Zielen, Wegen und Mitteln. Was sind die Wege? Über einen haben wir schon gesprochen: die Zusammenführung der drei ostslawischen Völker. Putin schrieb in seiner Covid-Isolation, er war dabei sehr paranoid, ein Dokument, das Sie auf der Kreml-Website auf Englisch finden. Die erste Hälfte ist historisch, in der zweiten Hälfte aberkennt Putin der Ukraine die Daseinsberechtigung als eigener Staat. Das Papier erschien im Sommer 2021. Es steht darin als Ziel die Zusammenführung der drei ostslawischen Völker. Putin begründet das damit, dass diese drei Völker einen gemeinsamen historischen Ursprung im neunten Jahrhundert haben, in Kiew: Die Kiewer Rus als religiöser Ursprung. Und im zwölften Jahrhundert auch als russisches Volk.
Der zweite Weg, um wieder Grossmacht zu werden: Putin möchte seinen Einfluss auf Osteuropa ausdehnen. Es geht dabei nicht um eine militärische Besetzung. Ich möchte das klar gesagt haben: Russland greift Europa und die NATO nicht frontal an. Das wird Russland nicht machen. Braucht es auch nicht, denn es gibt einen anderen Weg. Diesen Weg nennen wir die hybride Kriegsführung. Es geht darum, Europa zu destabilisieren und zu spalten, um den Einfluss wieder geltend zu machen.
Wie macht Russland das? Einerseits mit Desinformation. Ich rate es nicht an, aber wenn Sie es nicht lassen können: Gehen Sie auf RT.com, früher Russia Today. Da gibt es speziell auf die Schweiz zugeschnittene Desinformation. Am stärksten war das während der Bürgenstock-Konferenz. Wenn Russland Shahed-Drohnen Richtung Polen schickt ist das Beeinflussung. Es geht darum zu zeigen: Wir können es, ihr könnt es nicht abwehren. Dazu Cyberangriffe: diverse Cybergruppierungen, die nicht direkt zum russischen Staat gehören, die man aber gewähren lässt. Das Ziel ist, Europa zu destabilisieren und zu spalten.
Welches sind die zwei EU-Länder, die Russland am meisten zugewandt sind? Nicht schwierig: wahrscheinlich Ungarn und die Slowakei. Und welches sind die zwei einzigen EU-Länder, die noch russisches Öl importieren dürfen? Ungarn und die Slowakei. Genau das ist der Mechanismus. Wenn Putin vom russischen Volk spricht, meint er nicht die Menschen, die in Russland wohnen, sondern alle, die ethnisch russisch sind. Solche leben auch in den baltischen Staaten und in den zu Russland grenznahen Regionen. Es geht darum, den Einfluss wieder auszubauen, um den Status einer Grossmacht zurückzugewinnen. Es geht um Wirtschaft, Handel und Technologie.
Wird es mit China anders?
Nein, auch China wird nicht anders und will nicht zurück in die bisherige Ordnung. Weil China auf dem Weg ist, wieder eine Supermacht zu werden. China ist heute die zweitgrösste Wirtschaftsmacht. China geht keine Bündnisse ein wie die Sowjetunion damals. China nutzt aber die eigene Grösse und die Asymmetrie. China verhandelt nicht mit ASEAN als Block, nicht mit der EU, sondern mit den einzelnen Ländern, weil dann der Grössenunterschied gewichtiger ist.
China beteiligt sich in zwei Organisationen, die sich beide für eine multipolare Weltordnung bekennen. Auch wenn man sich noch nicht ganz klar ist, welches die Pole sind. Sie kennen diese Organisationen wahrscheinlich: BRICS Plus und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Zusammengenommen leben rund 3.6 Milliarden Menschen in den Ländern, die in diesen Organisationen vertreten sind. Die Botschaft ist für alle dieselbe: Wir respektieren die heutige Weltordnung nicht mehr. Wir wollen eine neue. Und China führt das zu einem grossen Teil an.
China rüstet militärisch massiv auf. China hat eine Armee von 2 Millionen, die es demographisch bedingt reduzieren muss, dazu eine halbe Million Reservisten und eine halbe Million in der sogenannten maritimen Miliz mit mehreren tausend Schiffen. Eine eindrückliche Demonstration: Letztes Jahr bildeten 2600 Schiffe ein grosses «L» im Meer, nördlich von Taiwan bis in die japanischen Hoheitsgewässer um eine Blockade demonstrieren zu können. China produziert pro Jahr mehr Kriegsschiffe, als Grossbritannien insgesamt hat. China verfügt heute über mehr Kriegsschiffe als die USA, wenn auch nicht in derselben Qualität. Man geht davon aus, dass China sich darauf vorbereitet, sein Arsenal an Atomwaffen zu verdreifachen, von geschätzten 500 auf bis zu 1500.
China hat den Anspruch, militärisch, gesellschaftlich und technologisch wieder eine Supermacht zu werden. Das hängt nicht mehr nur an Xi Jinping.
Drei Szenarien
Die Welt wird nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Frage ist: Wie könnte sie werden? Kristallkugel lesen ist schwierig, aber es gibt drei mögliche Entwicklungen.
Das erste Szenario. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit auf vielleicht 50 Prozent: Die Welt bleibt multipolar. Der kanadische Premierminister Carney sagte es am WEF treffend: «We are in the midst of a rupture, not a transition.» Wir befinden uns nicht in einem Übergang in etwas Neues. Die drei Pole bleiben und bauen ihre Einflusszone weiter aus. Was sind die Folgen für uns? Wir müssen uns in dieser neuen Welt als Europa, aber auch als Schweiz, orientieren. Wir müssen entscheiden wie wir uns gegenüber diesen Polen verhalten. Oder anders gesagt: Wenn Sie beim Essen nicht am Tisch sitzen, dann sind Sie das Menü. Schwach sein ist keine Option dieser neuen Welt.
Die zweite Variante mit etwa 35 Prozent Wahrscheinlichkeit: ein Multilateralismus 2.0. Man kommt zurück zur Vernunft, belebt Organisationen wie die UNO wieder, gibt ihr wieder Möglichkeiten. Man belebt weitere multilaterale Organisationen wie die WTO oder die OSZE und kommt wieder an den Tisch. Eine Veränderung: China wird am Tisch bleiben. China geht nicht mehr weg. China will eine Grossmacht bleiben. Man wird sich in diesem neuen Multilateralismus neu organisieren müssen. Doch auch hier: Soft Power genügt auch in dieser Welt nicht.
Die dritte Variante, ich schätze sie auf 15 Prozent: Eskalation. Wir sind bereits in einem hybriden Krieg mit Russland. 15 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass es in Europa zu einer Eskalation oder einer weiteren Konfrontation mit Russland kommt. Ich glaube nicht an einen konventionellen Krieg mit Russland. Russland will das nicht. Russland würde diesen Krieg wahrscheinlich verlieren, aber die Kosten auf beiden Seiten wären enorm. Es wird eher darum gehen, was Russland will: dass sich die NATO zurückzieht. Woher weiss ich, dass Russland das will? Im Dezember 2021, etwa drei Monate bevor Russland die Ukraine angriff, stellte es dem Westen einen Vertragsentwurf zu. Sie finden ihn im Original auf der Kreml-Webseite, auf Russisch oder Englisch. Dort steht als Bedingung damit Russland nicht angreift: Die Ukraine muss neutral bleiben. Das würden wir wahrscheinlich noch verstehen. Eine weitere Bedingung: Die NATO zieht sich zurück auf den Stand Mai 1997. Das Ziel von Destabilisierung, Spaltung und Einflussgewinnung steht im Vordergrund. Ein mögliches Szenario wäre, dass Russland einen kleinen Landteil, in dem vor allem Russen leben, einnimmt und militärisch besetzt und die NATO nicht reagiert. 15 Prozent Wahrscheinlichkeit.
Schluss
In dieser neuen Welt, die nicht mehr so wird, wie sie einmal war, ist reich und schwach zu sein eine schlechte Voraussetzung. In mir ist noch viel Energie, etwas zu ändern. Es ist auch eine gewisse Ernüchterung, weil wir einfach nichts tun. Obwohl wir das alles erkennen, tun wir nichts. Europa bewegt sich. Auch die Rüstungsindustrie in Europa hat begonnen zu produzieren. Wir Schweizer bewegen uns nicht. Wir können nachher über die Gründe sprechen. Deshalb aber trotzdem mein Call to Action. Auf der Vespa unserer Tochter ist ein Aufkleber. Als ich den das erste Mal gesehen habe, war ich richtig stolz. Auf dem Sticker steht: «Machen ist wie wollen, nur krasser.»
Danke.
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