
Ausgangslage: Die US-Strategie mit Zielen, Wegen und Mitteln
Strategien von Staaten umfassen Ziele, Wege und Mittel zur Umsetzung. Diesen Aufbau hat auch die US National Security Strategy (NSS) vom November 2025. Das Ziel der Strategie ist „America First“ und damit die USA (noch) stärker zu machen. Einer der Wege zu diesem Ziel lautet, die westliche Hemisphäre zu kontrollieren. Damit gemeint sind Nord- und Südamerika, die zugehörigen Inseln aber auch Grönland. Präsident Trump hat dies im Nachgang zur militärischen Aktion in Venezuela mehrfach und explizit betont. Der Verweis in der NSS auf die Monroe-Doktrin (notabene im Original von 1823) und die Verwendung des Begriffes „Trump Corollary Monroe-Doktrin“ weisen klar darauf hin, dass es strategisch darum geht, fremde Einflüsse fernzuhalten. Damit sind primär China und Russland gemeint.
Zu diesem Weg gehört das Einsetzen von US-freundlichen Regierungen, resp. diese Gebiete direkt oder indirekt zu kontrollieren („we will run Venezuela“). Die Mittel dazu sind vorhanden, denn die USA sind die grösste Militär-, Nuklear-, Wirtschafts- und Technologiemacht. Keine andere Nation hätte die militärische Aktion in Venezuela zur Festsetzung von Maduro so ausführen können. Und die USA ist aktuell noch immer die einzige Macht, welche militärische Wirkung praktisch jederzeit an jeden beliebigen Punkt weltweit projizieren kann.
Grönland hat aus geostrategischer Sicht eine hohe Bedeutung. Es ist die nördliche Flanke der USA und muss aus strategischer Perspektive entsprechend geschützt werden. Zusätzlich spielen auch natürliche Ressourcen eine wichtige Rolle. Genauso wie beim Öl in Venezuela. China sucht im Rahmen der „Polar Silk Road“ mit Unternehmungen wie z. B. Shenghe Resources diese Bodenschätze zu erschliessen. Dänemark und das teilweise davon autonome Grönland haben sich diesen Versuchen bisher mehrheitlich verwehrt. Russland ist vor allem maritim (über und unter See) präsent und versucht nachrichtendienstliche Informationen zu beschaffen.
Denken in Varianten - Varianten für die USA zur Erlangung der Kontrolle über Grönland
Es dürfte in der Regierung Trump zurzeit intensive Diskussionen und Abwägungen von Szenarien zur Erreichung der Kontrolle über Grönland geben. Basierend auf den Mitteln der USA sind drei Varianten zum Einsatz dieser und somit Möglichkeiten denkbar:
- Militärische Besetzung, Absetzen der aktuellen Regierung in Grönland und Einsetzen einer eigenen Verwaltung. Zu erwähnen ist, dass die USA bereits eine Militärbasis auf Grönland hat (Pituffik Space Base).
- Käuflicher Erwerb von Grönland mit einer möglichen Integration als US-Bundesstaat.
- Einvernehmliche politische Lösung zwischen den USA, Dänemark und Grönland, um die Kontrolle durch die USA zu erhöhen und Einflüsse Dritter fernzuhalten.
Aus Sicht von Dänemark könnte auch das Aussitzen der Forderungen der USA wie in der ersten Amtszeit von Präsident Trump eine Option sein.
Sehr unwahrscheinlich ist eine militärische Lösung. Diese würde einen historischen Bruch der USA mit Europa und der NATO nach sich ziehen und in letzter Konsequenz Europa geopolitisch Russland überlassen. Das dürfte längerfristig nicht im Interesse der USA aber vor allem auch nicht von Präsident Trump sein.
Ebenfalls sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Trump hinhalten lässt und, wie in der ersten Amtszeit, die Sache ausgesessen wird. Ermutigt vom Erfolg in Venezuela und mit dem Anspruch, als grosser amerikanischer Präsident in die Geschichte einzugehen, wird er Handeln wollen.
Gerade weil es historische Präzedenz für den Erwerb von Land gibt, ist diese Variante zwar nicht unmöglich, zumindest aber wenig wahrscheinlich. Grönland will sich nicht kaufen lassen. Dänemark müsste dies demokratisch zuerst legitimieren. Die USA würden zudem kaum für etwas bezahlen wollen, was sie als ihren legitimen Anspruch betrachten.
Am wahrscheinlichsten scheint aktuell die Variante, bei welcher auf grossen Druck der USA Grönland „einvernehmlich“ in die Unabhängigkeit entlassen und unter die Kontrolle der USA gestellt würde.
Konsequenzen einer militärischen Lösung für Europa
Im Falle einer sehr unwahrscheinlichen militärischen Intervention der USA in Grönland würde der UN-Sicherheitsrat keine entscheidende Rolle spielen. Die USA würden Beschlüsse mit ihrem Veto blockieren.
Etwas in den Hintergrund geraten, oder wenig bekannt, ist der Artikel 42 der EU-Verträge (EUV). Absatz 7 enthält eine Beistandsklausel, ähnlich wie Artikel 5 der NATO. Somit müssten die anderen EU-Mitgliedstaaten Dänemark Beistand leisten, dies wäre gemäss Artikel 51 der UN-Charta in legitimer Selbstverteidigung. Der Umfang des Beistandes ist im EUV nicht verbindlich festgelegt, geht mit der Formulierung „alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung“ jedoch sogar über den NATO-Artikel 5 hinaus. Es ist jedoch ebenfalls sehr unwahrscheinlich, dass die EU militärischen Druck gegen die USA aufbauen oder Reaktionen androhen würde.
Eine Konsequenz der Solidarität von Europa mit Dänemark, ob militärisch oder auf eine andere Art und Weise wie z. B. Sanktionen, dürfte ein Rückzug der USA aus der NATO oder zumindest der Truppen aus Europa sein. Der Schutz durch die USA, ob konventionell oder nuklear, wäre obsolet. Dies würde Europa militärisch wenig geschützt den Interessen von Russland überlassen. Würden sich die USA aus der NATO zurückziehen wollen, wäre dieser indirekte Weg unberechenbar.
Militärische Szenarien mit direkter militärischer Konfrontation sind allenfalls Teil einer Drohkulisse im Hintergrund.
Auswirkungen auf die Schweiz
Als Kleinstaat ist die Schweiz auf internationale Regeln angewiesen. Die bisherige, multilaterale, regelbasierte Ordnung scheint nun, zumindest vorläufig, an ihr Ende gekommen zu sein. So verletzt diejenige Macht, welche bisher oft die Regeln des Völkerrechts durchsetzte, nun selber diese Regeln. Und es ist offensichtlich, dass Gesetze und Regeln wirkungslos sind, wenn sie nicht durchgesetzt werden können.
Die offizielle Schweiz hat ihre Besorgnis über den Verstoss der USA gegen das Völkerrecht mit der Aktion in Venezuela zum Ausdruck gebracht. Als Kleinstaat muss sie sich auch weiterhin für die Einhaltung der bestehenden Regeln einsetzen. Sie müsste allerdings gut abwägen, ob sie sich allfälligen Sanktionen der EU gegen die USA anschliessen würde. Es würde viel auf dem Spiel stehen, u. a. die Verträge zu den Zöllen, die Beschaffung der F-35, der Patriot, Marktzugang, Beschaffung von Technologie und vieles mehr.
Eine diplomatische oder wirtschaftliche „Einigung“ zwischen den USA und Dänemark wäre durch die Schweiz zu akzeptieren. Unsere Interessen in Grönland sind minimal und wären nicht gefährdet. Verträge zwischen souveränen Staaten würden wir anerkennen, insbesondere falls es auch mit dem Völkerrecht zu vereinbaren wäre.
Würde die EU in einen militärischen Konflikt mit den USA geraten, was sehr unwahrscheinlich ist, wären die EU-Staaten aus Schweizer Sicht Kriegsparteien. Es käme das Neutralitätsrecht zur Anwendung, was bedeuten würde, dass wir alle Parteien gleich behandeln müssten und uns nicht direkt zu Gunsten einer Kriegspartei involvieren dürften. Dies würde faktisch eine wirtschaftliche und militärische Isolation der Schweiz bedeuten.
Eine Chance könnten die traditionellen guten Dienste eines neutralen Kleinstaates sein. Ob uns die USA in dieser Rolle akzeptieren würden müsste sich zeigen, die Voraussetzungen wären sicher gegeben.
Die wichtigsten Schlussfolgerungen für die Schweiz
Wichtige Säulen eines Staates sind die Wirtschaft, Infrastruktur, Sicherheit und der interne Zusammenhalt. Gleichzeitig reich und schwach zu sein ist in dieser neuen Weltordnung keine gute Ausgangslage. In einer Welt, in der die bisherigen Regeln nicht mehr gelten, müssen wir als Schweiz wieder Stärke aufbauen. Die sicherheitspolitische Strategie des Bundesrates, welche sich in der Vernehmlassung befindet, zeigt dies nachvollziehbar auf. Im Bereich der Sicherheit sind wir heute nicht mehr glaubwürdig. Wir haben die sicherheitspolitischen Instrumente in den letzten rund dreissig Jahren massiv vernachlässigt. Zivilschutz, wirtschaftliche Landesversorgung, Nachrichtendienst, Polizei und die Armee sind alle noch nicht auf die neue Weltordnung ausgerichtet. Die Sicherheitspolitische Strategie bildet eine gute Basis. Aber sie muss, wie jede Strategie, umgesetzt werden mit dem Ziel, stärker und resilienter zu werden. Die Zeit drängt.
Neueste
Mehr von der Seite
Thomas Suessli
Trump und die Kräfte im Hintergrund: Warum die USA nicht mehr so sein werden, wie sie einmal waren
Eine Analyse der strategischen Akteure hinter der zweiten Trump-Administration: Der Artikel untersucht den Einfluss konservativer Think-Tanks, der MAGA-Bewegung sowie libertärer Tech-Milliardäre auf die aktuelle US-Geopolitik. Basierend auf Expertengesprächen werden die langfristigen Auswirkungen dieser Kräfte auf die globale Sicherheitsordnung und die daraus resultierenden Notwendigkeiten für eine souveräne Positionierung der Schweiz beleuchtet.
Beitrag lesen
Thomas Suessli
Die neue US-Sicherheitsstrategie: Was sie für die Schweiz bedeutet
Bedeutung der „National Security Strategy“ Gemäss amerikanischem Recht legt jede Regierung dem Kongress eine Nationale Sicherheitsstrategie vor. In der Regel findet dies einmal pro Amtszeit eines Prä
Beitrag lesen
